Sonntag, 26. November 2023

Modul 1B, Lehreinheit 2

1. Soziale Ungleichheit und Differenz sind nicht dasselbe. Macht- und Herrschaftsverhältnisse spielen dabei eine Rolle. Der Umgang damit kann bedeuten, Gleichheit anzustreben, Differenz wertzuschätzen oder vorhandene Kategorien zu dekonstruieren.

2. Relevante Dimensionen sind die soziale Herkunft, Migration, Geschlecht und Behinderung.

3. Die soziologische Theorie von Pierre Bourdieu ist hilfreich, um "verborgene Mechanismen der Macht" (zit nach SB, LE 2, S. 101) zu untersuchen. Als Werkzeuge bieten sich dessen Kapitaltheorie und sein Konzept des sozialen Raums mit den darin erkennbaren Habitus an.

4. Die von Harold Garfinkel beschriebene Ethnomethodologie ist die soziologische Betrachtung von Alltagshandeln und -wissen, das Menschen in der Interaktion wechselseitig von einander erwarten und das dadurch soziale Ordnung herstellt.

5. Die Systemtheorie nach Niklas Luhmann geht davon aus, dass Routinen und Strukturen ein Eigenleben führen das auf Selbsterhaltung gerichtet ist. Systeme sind geschlossen, arbeiten mit ihren eigenen Logiken und existieren im Kontext einer bestimmten Umwelt. Irritation von außen bewirkt, dass sich ein System neu organisiert.

Quitten-Lamm-Ragout nach Nigel Slater aus dem Slowcooker

 Ich habe gekocht und formuliert, der Liebste hat es nebenan in seinem low'n'slow-Blog veröffentlicht:

Quitten-Lamm-Ragout

Sonntag, 12. November 2023

Modul 1A, Lehreinheit 2

1. Bildungswissenschaft als Wissenschaft entstand in dem Moment, als Wissenschaftler begannen, die Geschichte der Erziehung systematisch darzustellen.

2. Im 5. Jh. v Chr. erfordern die neu entstandenen griechischen Demokratien die Fähigkeit, in einen öffentlichen Diskurs über Angelegenheiten der Verwaltung und Staatsführung einzutreten. Da es sich nicht um parlamentarische oder anders repräsentative Demokatien handelt, muss jeder Staatsbürger seine Interessen selbst gegenüber den anderen Staatsbürgern vertreten und Mehrheiten suchen. Dafür sind Kenntnisse in Rhetorik erforderlich (nach Meinung der Sophisten) , eine Ausbildung in Philospohie als höchster Tugend (nach Auffassung von Sokrates und Platon) oder eine Kombination aus Rhetorik und allgemeiner Bildung (Isokrates).

3. Im 17. und 18. Jh. machen rationales Denken und emanzipatorisches Interesse das pädagogische Programm der Aufklärung aus. Ziel der Erziehung ist einerseits, sich von Unwissen und Aberglauben zu befreien, andererseits, selbst zu denken und ein eigenes Urteil zu entwickeln. Um individuelles und allgemeines Glück zu erreichen, müssen Zöglinge ein tugendhaftes Leben erlernen (Locke), ihre grundsätzlich guten Anlagen vervollkommen und von negativen Einflüssen reinhalten (Rousseau) oder durch selbständiges Denken zu moralischen Urteilen gelangen können (Kant).Die philantropische Bewegung entwickelte aus diesen Ideen konkrete pädagogische Konzepte und setzte diese auch praktisch um.

4. Der ab Ende des 18. Jh. entstandene Neuhumanismus wandte sich gegen die Nützlichkeitsüberlegungen der Aufklärung und dem Menschen und seiner individuellen Entfaltung zu. Dazu sollten die alten Sprachen und antike Literatur studiert werden. Je nach Neigung sollten die Zöglinge sich dann weiter mit Sprache oder Mathematik auseinandersetzen. Es entstand ein staatliches SchulIwesen, das zumindest formal diesem Ideal verpflichtet war. Dabei ging es um Bildung als Selbstweck, eine allgemeine, nicht berufsbildende Bildung (v. Humboldt) um kritische Auseinandersetzung mit Ausbildungsinhalten und die Vereinigung von Individualisierung und Sozialisation (Schleiermacher).

5. Um 1900 stellen Pädagogen aus unterschiedlichen Bewegungen fest, dass die entstandenen Volks- und Elementarschulen in ihrem Bildungsauftrag stark eingeschränkt sind, die Gymnasien dagegen mit überbordender und die Schüler überfordernder Stofffülle das andere Extrem darstellen. Sie fordern in unterschiedlicher Ausprägung Reformen der kulturellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, der Struktur und Inhalte an den Schulen selbst, die Durchführung von emprischer Forschung und generell eine Erziehung, die das Kind zum Ausgangspunkt nimmt. In ihren Überlegungen und Ansätzen nehmen die Reformpädagogen teilweise das Gedankengut und erzieherische Mittel, die während der NS-Zeit propagiert werden, vorweg.

6. Während der NS-Zeit kommt es zur Installation eines außerschulischen Erziehungssystems, das, zusammen mit den staatlichen Schulen, die von der Regierung propagierten Erziehungsziele umfassend und flächendeckend umsetzt. Dazu zählen die Annahme einer Hierarchie angeblicher Rassen, die Bevorzugung körperlicher Ertüchtigung gegenüber geistiger Bildung, die Vermittlung soldatischer Tugenden und ein generelles Misstrauen gegenüber Wissenschaft und intellektueller Betätigung. Die Erziehungswissenschaft wie auch die akademisch ausgebildete Lehrerschaft werden stark ausgedünnt. Einige der nationalsozialistisch geprägten Erziehungswissenschaftler wirken auch nach 1945, in teilweiser Abkehr von dem NS-Gedankengut, weiter als Professoren.

7. 1945 endet diese Geschichte des pädagogischen Denkens, an dieser Stelle kann ich nur mutmaßen, ob die Geschichte nach 1945 schlicht noch als gegenwärtig angesehen wird, oder ob diese in einer der weiteren Lerneinheiten thematisiert wird.

Modul 1B, Lehreinheit 1

1. Zunächst wird in einer Einführung erläutert, weshalb es gerechtfertigt erscheint, sich in der Bildungswissenschaft weiter mit Sozialisationsforschung zu befassen, auch wenn die Soziologie, aus der der Begriff Sozialisation ursprünglich stammt, sich mittlerweile von der Sozialisation als Forschungsgegenstand ab- und der Soziologie der Kindheit zugewandt hat.

2. Die von Geulen/Hurrelmann gefasste Definition von Sozialisation als "Prozeß der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt", bei dem es vorrangig darum gehe, "wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet" (Geulen/Hurrelmann 1980, S. 51 zit. nach LE 1 S. 17), wird als die allgemein akzeptierte Definition vorgestellt.

3. Sozialisation verläuft auf verschiedenen Ebenen der Gesellschaft. Ausgehend von dem Subjekt selbst, ziehen die weiteren Ebenen immer weitere Kreise um das Individuum: zunächst die Interaktion mit Familie, Freunden, Verwandten, dann innerhalb von Institutionen wie Betriebe, Schulen, Kirche, Medien und zuletzt der Gesamtgesellschaft.

4. Sozialisation verläuft in verschiedenen Phasen entlang der Lebensabschnitte einer Person, vom Säugling bis zum Greis.

5. Eine allgemein akzeptierte Sozialisationstheorie existiert noch nicht. Sie müsste folgende Kriterien erfüllen: auf empirischen Daten beruhend, eine logische Verknüpfung der einzelnen Erscheinungen bieten, nachvollziehbar Entstehung der Theorie, eingebunden in den fachlichen Diskurs, offen für neue Erkenntnis.

6. Der Begriff der Sozialisation als Konzept geht auf den französischen Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) zurück.

7. Die Sozialisationstheorie von Erikson entstand in den 1950er und 1960er Jahren in den USA. Erikson beschreibt die Sozialisation des Menschen als acht aufeinanderfolgende Phasen, in denen der Mensch jeweils eine Entwicklungsaufgabe (Krise) bearbeiten und bewältigen muss. Kritiker werfen Erikson vor, das Ideal einer gleichförmigen Gesellschaft angepasster Mitläufer propagiert zu haben. 

8. Die Sozialisationstheorie von Beck entstand in den 1980er Jahren in Deutschland. Er geht davon aus, dass die Menschen gegenüber früher stärker als Individuen agieren. Dies wirkt sich in drei Dimensionen aus: der Freiheit, den eigenen Lebenseg gestalten zu können und zu müssen, der Entzauberung vorgegebener Lebenswege, und den gesellschaftlichen Strukturen und Mustern, in die sich Individue der Gegenwart integrieren müssen.

9. Die Sozialisationstheorie von Hurrelmann, entstanden in den 1990er Jahren in Deutschland, konzentriert sich auf die Jugendphase. Die Jugendphase, wie sie heute beobachtet werden kann, ist ein Produkt veränderter und komplexer gewordener Anforderungen an junge Menschen. Die Jugendlichen müssen sich mit bestimmten Entwicklungsaufgaben auseinandersetzen, um relevante Mitglieder der Gesellschaft der Erwachsenen zu werden. Dabei geht es um die Entwicklung von Kompetenzen und Qualifikationen, der eigenen Geschlechterrolle, einer Haltung zum Umgang mit Konsum und eines Systems von Werten und Normen.

Modul 1A, Lehreinheit 1

1. Pädagogik, Erziehung(swissenschaft) und Bildung(swissenschaft) werden oft synonym verwendet, unterscheiden sich aber inhaltlich:

a) "Pädagogik" ist das, was Lehrende praktisch an einem Lernort wie z.B. in der Schule tun. In der Vergangenheit wurde der Begriff auch für die Theorie dieser Praxis verwendet.

b) "Erziehung" ist umfassender und bezieht sämtliche Aktivitäten mit ein, die dazu dienen ein kompetenter Erwachsener zu werden. Erziehungswissenschaft untersucht diese Aktivitäten nach wissenschaftlichen Grundsätzen.

c) "Bildung" ist noch umfassender und beschreibt den Prozess der Ausbildung oder das Vorhandensein einer ausdifferenzierten Haltung einer Person zu sich selbst und der Welt. Der Bildungsprozess setzt sich auch bei Erwachsenen fort. Bildungswissenschaft untersucht diesen Prozess mit wissenschaftlichen Methoden.

2. Die Wissenschaft von der Erziehung bzw. der Bildung vereinigt empirische und normative Methoden.

a) Erziehungs-/Bildungswissenschaft kann empirisch vorgehen. In diesem Fall wird gemessen und beschrieben, was sich beobachten lässt. Wissenschaftler nehmen also eine Beobachterperspektive ein. Dieser Anteil der Forschung steht in einer gesellschaftswissenschaftlichen Tradition und bedient sich der Methoden die von solchen Wissenschaften entwickelt worden sind.

b) Erziehungs-/Bildungswissenschaft kann normativ vorgehen. Dann wird darüber nachgedacht, wie Erziehung/Bildung sein sollte und welche Ziele sie verfolgen sollte. Die Wissenschaft nimmt eine Handlungspektive ein. Es wird mit geisteswissenschaftlichen Methoden analysiert und argumentiert. In Deutschland war diese lange die vorherrschende Herangehensweise, die empirische Herangehensweise kam erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts dazu.

3. Es lassen sich verschiedene Erziehungs- und Bildungstheorien unterscheiden. Modellhaft lässt sich sagen, dass jede Erziehungs- und Bildungstheorie, in unterschiedlich ausgereifter Form, drei Ebenen umfasst: ein Pädagogisches Handlungssystem, eine Pädagogische Theorie und Annahmen über das Menschenbild. Manche Erziehungs- und Bildungstheorien machen darüberhinaus auch Aussagen über die Pädagogik als Wissenschaft. Einige Erziehungs- und Bildungstheorien sind nur aus ihrem entstehungszeitlichen Kontext heraus verständlich bzw. setzen ein Verständnis als selbstverständlich heraus, das sich nur aus dem Kontext erschließt. Dieses Modell ermöglicht es, verschiedene Bildungstheorien zu unterscheiden, zu analysieren und zu vergleichen bzw. zu kritisieren.