Samstag, 10. April 2021

Die kulinarische Weltreise — Schweiz: Zuger Kirschtorte

Die Kaffeeeinladungen meiner Großmutter folgten einem festen Schema, mit dem sie sicherstellte, dass von allem genug da war. Dabei folgte sie der Formel: pro Person drei Stücke Kuchen und dann noch ein ganzer Kuchen extra. Das bedeutete zum Beispiel, dass für eine Kaffeegesellschaft von vier Personen, wie wir es meistens waren, 12 Stücke Kuchen = 1 ganzer Kuchen und dann noch ein weiterer Kuchen benötigt wurden. Das war in der Regel ein Obstkuchen, der aus einem mit Dosenobst und Bananen belegten Biskuitboden bestand und als weiteren Kuchen gab es Nusszopf. 

Zuger Kirschtorte

Wären wir zu fünft gewesen, hätte es nach der Kaffe-Kuchen-Formel drei Kuchen geben müssen: 15 Stücke Kuchen = 1 ganzer und ein angefangener Kuchen und dann noch ein zusätzlicher Kuchen = 3 Kuchen. Damit hätte man nach Rechnung meiner Großmutter sogar bis zu acht Personen angemessen bewirten können, die neunte Person hätte Kuchen Nr.4 nötig gemacht und so weiter.

Zutaten

Im Sommer, wenn sie Geburtstag hatte, wurde die Kaffeetafel um weitere Verwandte erweitert, so dass wir tatsächlich gelegentlich zu acht waren. Es wurden also drei Kuchen gebraucht Dabei trat dann eine weitere Regel in Kraft: ein Kuchen konnte durch eine großzügige Anzahl einzelner Gebäckstücke ersetzt werden. Dies waren regelmäßig Schillerlocken und mit Schokoladenfondant überzogene Gebäckkugeln mit Cremefüllung, deren aktuelle politisch korrekte Bezeichnung mir leider nicht bekannt ist - Schokokuss trifft es imho nicht. 

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Die Geburtstagsvariante des Obstkuchens war meist mit Himbeeren belegt und war von meiner Mutter hergestellt worden. Außerdem gab es eine Zucker-Kirschtorte. Diese Torte war ein Mysterium. Einerseits war sie so dick mit Puderzucker bestäubt, dass es mir sehr einleuchtend erschien, dass die Torte Zuckertorte hieß. Rätselhaft blieb aber, warum alle von Kirschtorte sprachen obwohl der bleiche Biskuit und die helle Creme so offensichtlich nie mit Kirschen in Berührung gekommen waren. Ich mochte die Torte nicht. Sie hatte einen komischen alkoholischen Beigeschmack, der mir nicht zusagte.

Japonaisboden mit Buttercreme bestreichen
 

Die Kaffeegeburtstage endeten, bevor sich mir der Geschmack ernsthaft erschließen konnte.

Biskuit mit Kirschwasser tränken und mit Buttercreme bestreichen.
 

Für diese Reise habe ich sie zum ersten Mal selbst gebacken. Sie schmeckt ein bisschen nach Großmuttergeburtstag, aber zugleich ist es eine wirklich feine, leichte Torte, die sich auch hervorragend als Dessert eignet. Sie besteht aus Biskuit, der sich wie ein Schwamm mit Kirschwasser vollsaugen darf, eingerahmt von Buttercreme und Japonais-Böden (Baisermasse mit Haselnüssen).


Mit dem zweiten Japonaisboden bedecken.

Im Kanton Zug ist die Kirschtorte ein Erzeugnis mit geschützter geographischer Herkunft. Sie verhindert heute zuverlässig die Umwandlung der Streuobstwiesen im Kanton Zug in Bauland. Um ihre Verbreitung bemüht sich die Zuger Kirschtorten-Gesellschaft, deren Website derartig retro (es dreht sich, es blinkt, es macht Geräusche), ist, dass es entweder schon wieder hip ist, oder es war einfach ein Missverständnis mit dem Programmierer ("wir hätten gerne eine altmodische Website, die zu unserer Torte passt").

Mit Buttercreme überziehen.
 
Für mein Rezept habe ich mich an Betty Bossi und Swissmilk orientiert.

Mit Puderzucker bestäuben.

Zutaten:

Biskuit:  

2 Eier
60g Zucker
1 Prise Salz
1 El heißes Wasser
50g Mehl
30g Speisestärke

Japonais:

2 Eiweiß
1 Prise Salz
2 El Zucker
2 El Puderzucker
1 El Speisestärke
60g gemahlene Haselnüsse

Buttercreme:

300g weiche Butter
180g Puderzucker
3 El Kirschwasser 

Zum Tränken:

100ml Kirschwasser
2 El Wasser
3 El Puderzucker

Garnitur:

Puderzucker, evtl. geröstete Mandelblättchen

Zubereitung

Zuerst den Biskuit vorbereiten: Eier mit Zucker, Salz und Wasser schaumig aufschlagen. Mehl und Stärke mischen und sorgfältig unterziehen. In eine gefettete und ggf. zusätzlich mit Backpapier ausgelegte Springform (24cm) füllen, glatt streichen und bei 180°C ca. 20 Minuten backen. Leicht auskühlen lassen, vorsichtig aus der Form lösen, auf einem Kuchengitter vollständig auskühlen.

Anschließend die Japonais-Böden herstellen: Mithilfe der Springform 2 Kreise (je ca. 24 cm Ø) auf 2 Backpapiere zeichnen. Backpapiere wenden, auf je ein Backblech legen. Eiweiß mit dem Salz steif schlagen, nach und nach den Zucker beigeben bis der Eischnee glänzt. Nüsse sorgfältig unterheben. Mit Gummischaber oder Palette vorsichtig auf die vorbereiteten Backpapiere streichen und die aufgezeichneten Kreise ganz ausfüllen. Ca. 1 Std. bei 100 Grad Umluft backen, dann auf je ein Gitter stürzen, Papiere sofort entfernen, auskühlen lassen, Vorsicht: zerbrechlich! Falls sich das Papier nicht leicht ablösen lässt: auf eine feuchte Tischplatte legen, nach kurzer Zeit lässt sich das Papier abziehen. 

Buttercreme zubereiten: weiche Butter, Puderzucker und Kirschwasser mit dem Schneebesen zu einer glatten Masse rühren. 

Torte zusammenbauen: Die Japonaisböden wenn nötig mit der Schere zurechtschneiden, einen Japonaisboden auf eine Platte legen, mit einem Viertel der Buttercreme bestreichen. Biskuit drauflegen, Kirschwassertränke darüberträufeln. Biskuit mit einem Viertel der Buttercreme bestreichen. Zweiten Japonaisboden auflegen, leicht andrücken. Die Torte mit der restlichen Buttercreme umhüllen, evtl. den Rand mit gerösteten Mandelblättchen bestreuten. Die Torte 2 Stunden kühlstellen. Vor dem Servieren die Decke dick mit Puderzucker bestreuen und mit einem geraden Messer ein Rautenmuster einkerben (nach jeder Rille das Messer mit Küchenpapier abwischen).

Anschneiden und genießen!

Die anderen Mitreisenden haben diese Rezepte mitgebracht:

Cornelia von SilverTravellers mit Zürcher Geschnetzeltes – ohne Fix schnell auf den Tisch Petra aka Cascabel von Chili und Ciabatta mit Tösstaler Sunntigsbroote mit prötlete Härdöpfel Britta von Brittas Kochbuch mit Schweizer Rösti Barbara von Barbaras Spielwiese mit Rüeblicake (Schweizer Karotten-Mandel-Kastenkuchen) Wilma von Pane-Bistecca mit Soledurner Wysuppe Britta von Brittas Kochbuch mit Aargauer Rüeblitorte Sonja von fluffig & hart mit Aargauer Rüeblitorte Dirk von low-n-slow mit Grillierte Forelle mit Mandelbutter Conny von food for the soul mit Pane Ticinese - das Tessiner Brot Wilma von Pane-Bistecca mit Salzige Zigerchrapfen Tina von Küchenmomente mit Roggenbrot Walliser Art Kathrina von Küchentraum & Purzelbaum mit Schweizer Butterweggli Petra aka Cascabel von Chili und Ciabatta mit St. Galler Käsekugeln auf Löwenzahn-Rucola-Salat Britta von Backmaedchen 1967 mit Schweizer Apfel-Wähe mit Joghurtguss Wilma von Pane-Bistecca mit Gemuese Suelzli

Kommentare:

Britta von Backaedchen 1967 hat gesagt…

Die Zuger Kirschtorte stand bei mir auch ganz oben, ich muss sie auf jeden Fall irgendwann noch backen. Deine sieht auf jeden Fall richtig lecker aus, am liebsten würde ich sofort ein Stück davon probieren.
Liebe Grüße
Britta

Petra aka Cascabel hat gesagt…

Wow, an Zuger Kirschtorte habe ich mich noch nie gewagt! Als Kind mochte ich die auch nicht, inzwischen darf es gerne mal ein Stückchen von der guten sein, die unsere Schweizer Freunde uns ab und zu auftischen :-)

Über deine familiären Kaffeetafel-Schilderungen habe ich mich übrigens sehr amüsiert!

Tina von Küchenmomente hat gesagt…

Hallo poupou,

diese Kuchenformel kommt mir doch sehr bekannt vor. Das ist wahrscheinlich so ein Oma-Generationen-Ding ;-) . Diese Torte hatte ich auch erst auf der Liste, deshalb freue ich mich, sie bei dir zu sehen. Und offenbar ist sie ja auch wirklich lecker und nicht allzu kompliziert. Ich glaube, ich probiere sie doch mal aus, denn probiert habe ich davon noch nie ein Stück...
Liebe Grüße
Tina

Edyta hat gesagt…

Die Zuger Kirschtorte steht bei mir schon lange auf der To- Do- Liste. Jetzt ist sicher, ich werde sie bald backen. Sie sieht so köstlich aus. Danke für das Rezept :)
Liebe Grüße
Edyta

poupou hat gesagt…

Ehrlich gesagt schwankte ich ja zwischen Rüblitorte und Zuger Kirschtorte und bin jetzt ganz froh, dass ich mich dafür entschieden hatte, denn die Idee mit der Rüblitorte hatte ja nicht nur ich. Tatsächlich war die Zuger Kirschtorte viel einfacher herzustellen als ich gedacht hatte und das war sicherlich nicht das letzte Mal, dass ich sie gebacken habe.

LG
poupou

Anonym hat gesagt…

WOW!! Du hast es gewagt, wovor ich immer wieder zurueck schrecke!!! Das ist ja ein tolles Stueck geworden! Und deine Oma hat Recht, man kann nicht genug Kuchen essen!!!

LG Wilma / Pane-Bistecca

gfra hat gesagt…

Hach, die Kaffeegeburtstage mit soviel Kuchen, dass man noch tagelang Reste in die Schule mitbekam (vom Hefe-Blechkuchen)... Zuger Kirschtorte gabs dabei nie, aber die muss ich doch wohl mal in Angriff nehmen, klingt superlecker...

Simone von zimtkringel hat gesagt…

Ja, das Rezepte, bzw. ein ähnliches, gucke ich mir nun auch schon viele Jahre an, immer mit dem guten Vorsatz, die Kirschtorte bald zu backen. Ganz, ganz bald... Bisher hat es nie geklappt, aber nun nehme ich es mir noch dringender vor!
(Übrigens gab es eine ähnliche Kuchenkalkulation bei meiner Oma auch und gebe es zu, es hat sich ein wenig vererbt.)
Liebe Grüße
Simone

Kuechentraum und Purzelbaum hat gesagt…

Richtig lecker sieht deine Torte aus. Die wollte ich auch schon mal machen.

Tom hat gesagt…

Eine wirklich lecker aussehende Torte!

Susanne hat gesagt…

Wow, sieht die toll aus! Meine Mutter hat früher zu hohen Anlässen gerne mal Zuger Kirschtorte gebacken, selbst habe ich mich da noch gar nicht drangewagt.

fluffig & hart hat gesagt…

Die sieht ja wie pures Hüftgold aus, eine wunderschöne Torte. Und dann noch mit Kirschen...

poupou hat gesagt…

@fluffig&hart: hihi, ja, wer die kirschen findet bekommt ein stück extra...

lg
poupou

Barbara hat gesagt…

Haha, meine Oma hat ähnlich gerechnet! Bei Geburtstagen gab's da gerne mal 2 Torten, 3 Obstkuchen und dann noch sog. "trockene Kuchen". Es waren also eine Menge Gäste da...

Die Zuger Kirschtorte hat mich auch immer gewundert, da waren nie Kirschen dran. Selbergemacht habe ich sie noch nicht, aber das wäre echt mal eine Idee. Toll, dass Du Dich daran gewagt hast.

Susi L. hat gesagt…

Ach ja, die Oma-Rezeptmengen! Da scheinen sich deine und meine sehr ähnlich gewesen zu sein. Kirsch und Schnäpse aller Art waren mir in der Kindheit auch ein Graus. Jetzt würde ich wohl gern ein Stück von deinem Kuchen kosten.

Friederike hat gesagt…

Ich dachte schon, wo jetzt die Kirschen sind... aber die stecken nur im Schnaps :-))
Eine schöne Erwachsenentorte also, kannte ich bisher nicht

www.salzig-suess-lecker.de hat gesagt…

Das ist eine sehr interessante Geschichte zu der Torte und der Erhalt von Streuobstwiesen ist auf jeden Fall sehr erhaltenswert6.

LG Michael

dirk franke hat gesagt…

Und darauf ein Glas Kirsch. (Heute darf ich ja)

Conny von food for the soul hat gesagt…

Die Zuger Kirschtorte habe ich auch schon mal selbst gebacken. Der Aufwand lohnt sich auf jeden Fall.
Herzliche Grüße
Conny