Samstag, 12. Januar 2019

ein ausflug im mai

Acrocephalus arundinaceus Beetzer See 10.05.2014 16-01-039

sagt die frau: „ich geh jetzt zum frisör, was machst du?“ sagt der mann: „ich wollt' ja mit der kamera raus, aber hier ist nichts mehr, alles schon photographiert, vielleicht bleib ich da.“ sagt sie: „warum gehen wir nicht nachher zusammen raus, es ist Wiki Loves Earth, wir könnten ins Kremmener Luch fahren. schau doch mal im netz, wo man parken könnte, während ich die haare schneiden lasse“.

– einfahrt auf die stadtautobahn. es scheint die sonne, das gekürzte haar weht, zwei kameras liegen auf der rückbank. sagt die frau: „fahren wir ohne navi heute? du kennst den weg?“ sagt er: „mist, hab vergessen, den parkplatz zu notieren, keine ahnung, wohin?“ sagt sie: „ach, nicht schlimm, hab ja alles selbst schon recherchiert am 1. mai als es dann regnete. im kremmener luch kann man nicht parken. aber es gibt ein landschaftsschutzgebiet, ganz in der nähe, von da gehts auch zum Kremmener See, zu fuß, ein weg durchs schilf. gib ein: ‚Sommerfeld‘“.

– in sommerfeld an der kirche. wegweiser in alle richtungen, „Zum See“, zum „Kremmener See“, zur kurklinik mit altoberbairischer architektur (braunes schild). „zum kremmener see also?“ „nein, wohl doch eher zum see, war wohl ein anderer see, der im landschaftsschutzgebiet, wie hieß es doch gleich, brieselang oder so? lass uns zum see gehen, das muss es sein, hab das messtischblatt noch vor augen: der see, daneben die kurklinik, die grenze des schutzgebietes hart neben dem see, ringsum schilf.“

– der rundweg verläuft unter eichen. es riecht frisch, feucht, waldig, durch das schilf der blick auf den see, den Beetzer See. unterwegs im auftrag der enzyklopädie – es gilt nun, das detail zu würdigen, das geschützte. hier ein pilz, da ein kräutlein. ein alter anleger aus metall führt wie schienen übers wasser. an krücken begegnen die insassen der kurklinik, in den buchten sitzen angler in zelten. „eine harte kante am see entlang“, sagt die frau, „das schutzbegiet wohl eher auf der anderen seite des sees, dort ist auch mehr von dem schilf.“

– „schau, dort, etwas gelbes!“ Sumpf-Schwertlilien säumen die gegenüberseite des sees. schnell dorthin, es ruft der Kuckuck, in der weide am see hüpft ein Buntspecht von ast zu ast. hach, wie ist es doch herrlich, die natur zu betrachten mit dem auge des kundigen, des wikipedischen erd-liebhabers. aber warte, was ist das? hörst du es auch? ein vogel ruft aus dem schilf. es dauert, bis die augen das tier an den halmen fokussieren können. das tele wird ausgerichtet, derweil gelauscht, was ist das? gedanklich den ruf formulieren, für die Wikipedia:Redaktion Biologie/Bestimmung: „krrek, krrek, twiiiu, twiiiu, kwik“ – doch halt, das handy zeichnet den ton einfach auf (kann man das hochladen? auf commons?)

– famos. so viele aufnahmen. in bild und ton. eine hochladeparty sollte man organisieren, zu ehren von wiki loves earth, wäre das nichts? abgleichen die fotos mit artikeln. ein Teichrohrsänger vielleicht? das aussehen stimmt, doch wie ist sein ruf? nicht ähnlich? aber ein anderer passt: der Drosselrohrsänger. heiho! so zahlt er sich aus, der wunderbare wettbewerb WLE. jetzt schnell alles hochgeladen. wie war doch gleich der name des landschaftsschutzgebietes? Nauen-Brieselang-Krämer? ach ja? schnell noch einmal die karte, – ach, der Beetzer See liegt nicht dort? dann in einem anderen? auch nicht? egal. wir laden alles trotzdem hoch, auch ohne aussicht auf gewinne, und bedanken uns sehr bei den organisatoren von WLE für einen wunderschönen spaziergang und einmalige naturbeobachtungen. (zuerst erschienen am 11. Mai 2014 hier: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Kurier/Ausgabe_05_2014&oldid=151250977, CC-by-sa-3.0)

Samstag, 5. Januar 2019

was machst du eigentlich den ganzen tag - 5. januar 2019

gegen 6:30 wache ich zum ersten mal auf und gehe kurz ins bad. meine augen sind verquollen und ich habe muskelkater im rücken. ich probiere es nochmal mit den antiallergischen augentropfen. offensichtlich war die vermutung des apothekers richtig, dass allergien in der regel nicht nur ein auge befallen.

ich gehe zurück ins bett. der liebste schaltet mir das radio ein, ich döse und höre halb dem morgenprogramm des deutschlandfunk zu. gegen 8 stehe ich nochmal auf und koche kaffee, nehme jedem von uns eine tasse mit ans bett und lese in "zwei rechts zwei links", dem buch über das stricken, das ich zu weihnachten bekommen habe. gegen 9 stehen wir dann endgültig auf und frühstücken (roggenbrot, wurst, käse, honig, marmelade). dabei lese ich mangels zeitung weiter im strickbuch.

kurz nach 10 brechen wir auf richtung auto. während der liebste noch destilliertes wasser in den kühlwassertank nachfüllt, bringe ich den leeren bioeimer wieder rauf und hole die vergessene kühltasche nach. in der kofferraumsteckdose steckt ein plastikteil, so dass wir die kühltasche erstmal nicht einstecken, ist ja eh noch nichts drin und außerdem ist es sowieso kalt.

wir fahren zum fleischkleinverkauf der hafleg und kaufen suppenfleisch, markknochen, blutwurst und salami. weiter nach kuhhorst, wir brauchen mehl. leider hat der hofladen noch bis 10.1. geschlossen. weiter nach kremmen zur tankstelle. ich fiesele den deckel des gastanks ab und wir tanken zum ersten mal autogas ins neue auto. dann zu kelz. immerwieder eine freude dort einzukaufen. wir decken uns mit milch, salzgurken, saurer sahne, suppengemüse und diversem heringskram für mittagspausen nächste woche ein.

gegen 13 uhr sind wir dann endlich im garten. der liebste stellt das wasser an, während ich heizung und ofen anwerfe. der liebste setzt kaffee auf. im haus sind 6 grad. ich ziehe strumpfhosen unter und meinen dicken englischen wollpulli plus schal über. der liebste wünscht eine suppe. mir fällt ein, dass noch gries da sein müsste und ich koche stattdessen spontan einen griesbrei, garniert mit geriebenen haselnüssen, ganzen haselnüssen, datteln, etwas zucker und einem spritzer rapsöl. das wärmt uns gut auf.

der liebste versinkt im sessel, ich hole handschuhe und gartenkram aus dem schuppen und schneide die himbeerruten ab und ein bisschen an johannis- und stachelbeersträuchern herum. das abgeschnittene kommt auf den totholzstapel. dann steche ich etwas kompost ab für die beeren und reche die neusten wühlmaushügel platt. die wühlmaus hat wieder diverse blumenzwiebeln, schneeglöckchen(?), ausgegraben. die zwiebeln sind völlig intakt, mit trieb und wurzeln. vermutlich waren sie dem mäuselabyrinth einfach nur im weg. ich pflanze sie also wieder ein.

ich klopfe an die terrassentür und der liebste reicht mir warmen kaffee raus. ich genieße den kaffee in der wintersonne auf der terrasse und mir ist schön warm, der liebste fröstelt dagegen herum und will wieder rein. ich drehe nochmal eine gartenrunde mit der kaffeetasse in der hand und räume dann die gartensachen zurück in den schuppen.

drinnen sind mittlerweile 22 grad, der liebste telefoniert mit seiner mutter. ich setze mich dazu und fange an, in jakob augsteins "tagen des gärtners" (auch ein weihnachtsgeschenk) zu lesen. als der liebste zuende telefoniert hat, beschließen wir spontan, an der stunde der wintervögel des nabu teilzunehmen. es ist 14:50 und wir legen nochmal holz nach. wie verabredet halten sich die vögel von jetzt an zurück. insgesamt sichten wir 4 amseln, 2 elstern, 4 spatzen, 6 krähen (gezählt werden nur vögel, die man gleichzeitig sieht, also wenn man viermal nacheinander eine amsel sieht, darf man nur 1 amsel melden). die sichtung wird unterbrochen durch unsere nachbarin, die unser auto entdeckt hat und uns nun ein gutes neues jahr wünschen möchte. wir tauschen uns kurz über unsere silvestererlebnisse und ihr leiden an tierischen mitbewohnern (mäuse und marder) aus.

um vier schließen wir die vogelbeobachtung ab, der liebste meldet die vögel an den nabu. ich wasche unser geschirr ab und schalte die heizung aus, der liebste stellt das wasser ab. ich packe noch altpapier und eine leere flasche ein, das werden wir dann alles in den containern im dorf noch los. wir fahren zurück nach berlin. das neue auto ist augesprochen brav. ich ergoogle noch die funktion der kleinen blauen lampe im autohimmel (dient der beleuchtung von schaltknüppel, handbremse und sitzheizungsschaltern).

viertel nach fünf kommen wir in berlin an. wir tragen die einkäufe rauf und der liebste kocht tee. ich lese das strickbuch zuende. mir wird klar, dass stricktechnisch bisher eine welt an mir vorbeigegangen ist: die plattform ravelry. so eine art wikidata für alles, was mit stricken zu tun hat, mit angeschlossenem diskussionsforum. spontan melde ich mich dort an, suche nach dem account der buchautorin und schreibe ihr eine dankesmail. testweise lege ich ein projekt zu meinem derzeitigen strickprojekt an. tatsächlich sind sowohl die landlustanleitung als auch die wolle schon auf der plattform und ich muss beides nur noch verlinken. mal schaun. ich lese auf der plattform herum. es gibt jedenfalls viele spannende anleitungen dort zu entdecken. das strickmeeting im starbucks beim sony-center scheint dagegen eingeschlafen zu sein. parallel habe ich ein auge auf meine beobachtungsliste, denn ich habe einen artikel (über noldes sonnenblumen) auf der hauptseite, was in diesem fall allerdings nur zu erfreulich wenig seltsamen änderungen und nachfragen führt.

gegen acht wechsle ich vom sessel in die küche, wärme die aufgetaute tomatensuppe auf, koche daneben eine grüne shakshuka und kümmere mich endlich darum, zwiebeln zum fermentieren anzusetzen. wir essen erst den roten und dann den grünen gang. beides sehr lecker und schön farbig. ich räume ab und auf und kehre zurück ins wohnzimmer. jetzt will ich endlich mal noch etwas stricken. dazu etwas begleitfernsehen. der liebste richtet derweil rote-bete-salat für morgen. und jetzt schreibe ich diese zeilen... (inspiriert von frau brüllen.)

Mittwoch, 2. Januar 2019

Der Raum ist Klang ist Schall ist Gottes Wort


Auf das Zelt zugehen. Einmal umrunden? Nicht möglich, fest mit dem nächsten Haus verwachsen. Seine Form lässt sich nicht erfassen, nicht mit den Augen und, könnte man es anfassen, vielleicht als Modell, auch nicht mit den Händen. Aus der Geometrie wie herausgefallen, mit spitzen Winkeln, scharfen Kanten. Das Dach ragt tief zu mir herunter und zugleich hoch auf. Der Eingang als Höhle, klein, eng, dunkel ist ein Übergang, ein Davor oder ein Dazwischen, Vorbereitung, Spannung – aber auch geschäftig: Gesangbücher, Broschüren liegen aus. Wenn ich die Paul-Gerhardt-Kirche betrete, fühle ich mich oft wie auf dem Weg zum großen Konzertsaal der Philharmonie: Die Stufen des Weinbergs hinaufsteigen zum Mittelpunkt des Fünfecks. Von dort weiter hinauf durch den kleinen Durchschlupf auf die Empore, den Blick zu der kleinen Glockenempore gegenüber richten, die wie ein Schwalbennest oder der oberste Rang des Konzertsaales oben unter dem Zeltdach schwebt. Mein Blick gleitet über die fünfeckige Rückwand hinter dem Altar, folgt den sanft fallenden Linien rechts und links des Altars nach unten, die sich aufeinander zu bewegen und doch erst in der Unendlichkeit zusammentreffen können. Der Raum hilft mir, meine Konzentration ins Zentrum zu lenken: in den Altarraum und in mir selbst, zur Verkündigung von Gottes Wort – gesprochen oder in der Musik. „Der Schall darf sich nicht weit entfernen, Es naht sich selbst zu euch der Herr der Herrlichkeit.“ sang der Neue Chor in einer Bach-Kantate am Vorabend des Ersten Advents in der Paul-Gerhardt-Kirche. Ihr Architekt, ein Schüler des Philharmonie-Baumeisters Scharoun, schickt den Schall geschickt von Wand zu Wand, vom Zeltdach in die Bankreihen, im stumpfen Winkel des Fünfecks und damit ganz nah an unser Ohr. Ein Gebäude, das es uns leicht macht, zu hören, zu verstehen und zu erkennen. Ein Gebäude, das uns nicht im lieblichen Pastell umschmeichelt und doch so eindringlich zu uns spricht. Ein Gebäude, wie für Sinfonien gemacht, für den Zusammenklang der Unterschiede, für das gemeinsame Atmen und Klingen und Hören. Lassen wir es wirken.

(zuerst erschienen im Frühjahr 2016 im Paul-Gerhardt-Brief der Kirchengemeinde Alt-Schöneberg)


Berlin Schoeneberg Paul Gerhardt Kirche 12.10.2011 09-50-30

Samstag, 15. Dezember 2018

wiese

ich lege meine hand
neben mich auf die erde
meine finger
umschließen einen halm
er ist biegsam und glatt.
ich reiße.
der halm ist stärker als ich
bevor
ich meine finger lösen kann
zieht die graswurzel
meinen arm tief in den boden hinein
ich spüre wärme
während mein körper
in das erdinnere eindringt
ich halte den halm fest.

Samstag, 8. Dezember 2018

reichtum

wir haben zeit.
wir nehmen sie uns
einfach
lassen sie uns nicht
aus unseren
herzen
herausreißen
von denen
die meinen
unsere zeit
gehöre ihnen.

Samstag, 1. Dezember 2018

wichtig

wer einen anderen menschen
bewertet
bewertet
immer zunächst sich selbst
ihr eigenes
bewertungsverhalten
ist den meisten
wichtiger
als der zu bewertende selbst
du bist ihnen
egal

Samstag, 24. November 2018

wir verstehen uns

wir verstehen uns falsch.
fast immer.
jedes wort
gesprochen zwischen zwei menschen
hat 1000 bedeutungen
999 davon
sind falsch.
manchmal
ist es jedoch
besser
sich eine
der 999 falschen
auszusuchen.
es ist besser
wir verstehen uns falsch.