Freitag, 5. Januar 2018

was machst du eigentlich den ganzen tag? januar 2018

um 5:55 klingelt der wecker. ich höre, wie der liebste auf seinem handy und dem radio herumdrückt. der wecker geht währenddessen zum dauerton über. ich bitte ihn, doch lieber mal auf den wecker zu drücken. das macht er und stellt ihn dann auch gleich auf die richtige weckzeit um. wir schlafen nochmal, bis um 6:30 die tageslichtlampe auf meinem nachttisch angeht. wir dämmern, schauen ab und an in die lampe und hören radio. um 7:15 stehe ich auf. nach dem zähneputzen läuft das wasser im waschbecken nicht mehr ab. ich instruiere den liebsten, das waschbecken heute nicht zu verwenden, bis ich nachmittags rohrfrei gekauft habe.

während ich dusche läuft das wasser dann doch ab. ich instruiere den liebsten, später nochmal ein paar kannen kochendes wasser aus dem wasserkocher hinterherzuschütten. halb angezogen erledige ich meine rückenübungen, ziehe mich fertig an und wir frühstücken (kaffee, selbstgebackenes roggenbrot, wurst, käse, marmelade sowie eine miniaturpanettone, die wir zu weihnachten bekommen hatten, dazu die zeitung von gestern). wir besprechen kurz, dass der liebste das statistikamt anrufen wird, das uns für den mikrozensus ausgewählt hat, damit wir die befragung schriftlich durchführen können. interessanterweise will das amt auch die vertraglich vereinbarte internetdatenrate wissen (unsere kennen wir nicht, finde ich aber ein gutes zeichen, dass sich der staat endlich dafür interessiert).

um 8:30 gehe ich aus dem haus und komme kurz vor 9 am potsdamer platz an. im büro packe ich erstmal meine neue kaffeetasse aus kaffeesatz-kunststoff aus und weihe sie ein. dann an die arbeit. zwischendurch kommt eine kollegin in elternzeit mit ihrer wenige wochen alten tochter vorbei und wir quatschen ein bisschen. danach weiter an die arbeit.

um 13 uhr breche ich auf zu w. wir spielen sechs sonaten von william croft und haben spaß dabei. danach trinken wir noch ein bisschen tee und essen letzte weihnachtsplätzchen. nachdem wir uns nun schon 7(?) jahre kennen, erfahre ich jetzt zum ersten mal, was w. eigentlich früher beruflich gemacht hat. lustig. ich hätte ihn in eine ganz andere ecke einsortiert, nicht werkzeugmacher sondern eher buchhaltung oder sowas, jedenfalls etwas bürobasierteres.

gegen 15:30 breche ich auf und fahre nach hause. der liebste hat fieber und sitzt musikhörend im wohnzimmer. ich trinke eine tasse kaffee und esse einen joghurt mit mandarine und banane und etwas zimt. da ich morgen intermittierendes fasten machen möchte, was dann mit einer 500kcal-mahlzeit enden soll, hat der liebste das netz bereits nach geeigneten rezepten durchforstet. wir entscheiden uns für ofentomaten mit thunfischcreme und steckrübenrösti mit birnenquark (je etwas mehr als 200 kcal pro portion). ich schreibe mir einen einkaufszettel. in so einem fall möchte ich mich wirklich genau an das rezept halten können und wirklich alle zutaten da haben.

als erstes zum türken für granatäpfel, petersilie, rosmarin, thymian, minze (alles frisch), ein ganzer arm voller kräuter. wo ich schonmal da bin, kaufe ich gleich auch noch 5 pfund kalbsbeinscheiben, die wir dann am sonntag in den slow cooker stecken können. ich gehe wieder zurück und stelle die einkaufstasche erstmal ins auto, dann weiter mit dem bus zur biocompany. dort treffe ich a. aus meinem chor. ich erzähle ihr, dass ich dort nun erstmal nicht mehr mitsingen werde. wir unterhalten uns eine weile darüber wie schön es ist, einfach einmal pro woche zu singen, völlig unabhängig davon, ob dabei dann am ende mal ein konzert dabei herauskommt oder nicht. es ist ein wirklich sehr schönes und angenehmes gespräch und ich bin wieder einmal überrascht, wie viele solcher gespräche ich jetzt schon mit diversen chormitgliedern hatte, seit ich mich entschlossen habe, erstmal andere wege zu gehen. irgendwie schön und anrührend, teilweise auch traurig, es sind schon einfach sehr viele sehr liebe menschen dort.

in der biocompany lade ich den wagen mit gemüse für das fastenbrechen, für den slow cooker am sonntag sowie den anfang der nächsten woche voll, dazu milch, eier und noch ein paar gewürze. thunfisch finde ich leider nicht. eigentlich nur eine einzige fischkonserve (ausgerechnet muscheln).

ich fahre mit zwei schweren taschen zurück und bin gegen 18 uhr wieder am auto. dort stelle ich die beiden taschen mit in den kofferraum und gehe dann weiter zu lidl, thunfisch kaufen. am eingang treffe ich unseren hausmeister h. wir wünschen uns gegenseitig ein gutes neues jahr und ich freue mich, dass er recht gut gelaunt ist. zurück von lidl schleppe ich meine vier taschen in den vierten stock und lade aus. der kühlschrank ist so voll, dass ein teil des gemüses auf den balkon muss.

dann mache ich mich daran, zwiebeln zum fermentieren vorzubereiten. wir haben das schon länger vor, aber bisher nie umgesetzt. jetzt lege ich also zum ersten mal rote zwiebeln in salzlake ein, damit diese dann milchsauer vergären. die zwiebeln kommen mit senfkörnern, pfefferkörnern und salzwasser in ein bügelglas. das sieht schonmal sehr chic aus. könnte so in der landlust abgebildet sein. dann kommt das glas in die kammer, zur sicherheit in teller drunter, obendrauf eine stofftasche, das ganze soll ja vor licht geschützt werden.

danach wasche ich radiccio, chicoree und eichblattsalat für das abendessen und reibe einen schwarzen winterrettich. gegen 19:30 beschließe ich, das nun alle noch ein halbes stündchen stehen zu lassen , damit ich kann pünkltich um 8 ins fasten gehen kann. tatsächlich lese ich mich dann aber in diversen internetforen fest und wir essen erst um 9. es gibt gemischten salat, frisches rotes sauerkraut (kalt und roh, allerdings nicht selbstgemacht), dazu weißwürste. viertel nach neun trinke ich meine letzte tasse milchtee. ab jetzt bis morgen abend um dieselbe zeit erstmal nur wasser, bzw. kaffee und tee ohne milch.

wir räumen die küche auf und ich schreibe diese zeilen. (inspiriert von frau brüllen.)

Sonntag, 5. November 2017

was machst du eigentlich den ganzen tag? november 2017

um 6:30 wache ich auf und bin wach. ich gehe kurz ins bad, dann in das große zimmer und  ziehe einen vorhang auf. der scheinwerfer ist offensichtlich an und leuchtet über die terrasse. während ich mich frage, ob wir den scheinwerfer versehentlich an gelassen haben, sehe ich wie billy, der kater aus der nachbarschaft, von der terrasse hopst und hinter dem schuppen verschwindet. ich setze kaffee auf und räume den ofen ein, bekomme alles mit einem streichholz zum brennen und schalte zusätzlich für den start den elektroheizkörper ein. dann hole ich meinen morgenmantel, schließe die tür auf und drehe eine morgenrunde durch den garten. es ist nicht besonders kalt, der mond scheint noch, aber es wird schon deutlich hell. ein paar gänse und kraniche fliegen über mir.

nach der gartenrunde gieße ich uns kaffee ein und gehe zurück ins bett. da ich sehr wach bin, schalte ich meine leselampe ein und lese. der liebst tut so, als wäre er noch im tiefschlaf, reicht mir aber brav die kaffeetasse an und wärmt meine gartenkalten hände auf. gegen neun stehe ich auf und richte frühstück. in erinnerung an israel brate ich zwei eier israeli-style. außerdem gibt es roggenbrot, schinken, käse, marmelade und honig. nach dem frühstück schauen wir beide weiter in unsere bücher.

gegen 9:45 telefoniere ich mit meinem vater, der seit wochen auf die bei amazon bestellte munddusche wartet und nun beschwerdemails in das nirwana der amazon-handelsplattformen sendet. gegen 10 beenden wir das gespräch, denn er wird in der kirche erwartet. der liebste und ich hören nun wie immer den sonntagsgottesdienst im deutschlandfunk, der aus einer gemeinde in der nähe der stadt übertragen wird, in der der liebste aufgewachsen ist. nebenbei lesen wir weiter, bis wir dann gegen 11 mit kaffeebechern in der hand zu einer weiteren gartenrunde aufbrechen. ich korrigiere einige meiner astbeschwerungseinrichtungen an den apfelbäumen. wir freuen uns, dass noch himbeeren da sind. überhaupt blüht noch viel mehr und viel üppiger als wir es erwartet hatten.

wir kehren zurück zu warmen ofen und lesen weiter. dann ziehe ich doch meine gartensachen an und gehe wieder raus um noch ein paar sedum zu pflanzen und die bienenweiderose, die sich als bodenkriecherin erwiesen hat aus dem beet a weg nach vorne zu verpflanzen, da kann sie kriechen ohne abgemäht zu werden. währenddessen fäng es an zu regnen. ich gieße die pflanzen trotzde an und schaffe dann alle geräte wieder in den schuppen. als ich zurück ins haus gehe, hört es auf zu regnen. ich gehe trotzde erstmal wieder rein und widme mich wieder meinem buch. gegen 13 uhr gehe ich dann doch wieder raus und jäte etwas unkraut. währenddessen ruft meine mutter an. der liebste bringt mir telephon und kaffee nach draußen. ich sitze auf der feuchten terrassentreppe und telefoniere, über mir kreischen die kraniche. meine mutter hat ein fast vollendetes strickprojekt wiedergefunden und sitzt jetzt an der fertigstellung. ich habe auch wolle gekauft. wir planen ein bisschen für nächstes wochenende und hoffen, dass sich ihr knie bis dahin wieder beruhigt.

danach schneide ich erstmal noch ein paar blumen für einen kleinen strauß. es gibt nicht mehr so viel auswahl, aber ich bekomme einen bunten strauß zusammen. ich widme mich noch einmal ein wenig dem unkraut und gehe schließlich endgültig rein, denn es ist doch recht ungemütlich. die lehmige erde ist nass, kalt und schwer. im reingehen sehe ich zwei frauen, die offensichtlich das verwaiste grundstück anstreben. bei genauerem hinsehen bemerke ich, dass jemand auf dem grundstück das gestrüpp dezimiert hat. es ist also wieder vergeben. irgendwie schade, mir hat das verwunsche wilde wuchern gut gefallen, besonders die rebe, die in den kirschbaum gewachsen ist, und dort ganz oben ihre trauben angesetzt hat. mal sehen, was daraus nun wird.

wieder drinnen und halb aufgewärmt fallen mir die himbeeren wieder ein. ich gehe also doch nochmal raus und pflücke unsere verutlich letzten himbeeren in diesem jahr. ich packe das bettzeug in ikeataschen, damit wir es später mit nach berlin nehmen können. danach mache ich mich ans kochen. es gibt drei gänge: posteleinsalat mit ein wenig kaltem rind und preiselbeeren, danach eine art tomatensauce mit salsiccia, lauch und etwas schmorgemüse. als nachtisch joghurt mit banane, himbeeren und etwas zimt. es schmeckt wirklich alles sehr sehr lecker. danach sinke ich zufrieden in den sessel und der liebste wäscht ab. mir fällt ein, dass ich morgen nach bosnien fliege und langsam mal einchecken sollte. der liebste leiht mir sein internet. wir lesen weiter.

um 17 uhr schicke ich eine sms an meinen achtsamkeits-buddy, da ich nicht sicher bin, welche zeit wir vereinbart hatten. wir verschieben das gespräch auf kurz nach 6. in der zwischenzeit sauge ich einmal durch und dann räume ich den kühlschrank aus um ihn winterfertig zu machen und wasche alle böden und fächer aus. nach 6 ruft er dann tatsächlich an und wir tauschen uns kurz aus und verabreden das nächste gespräch. wir haben beide eine gute zeit hinter uns und sind sehr zufrieden. währenddessen hat der liebste angefangen, das auto einzuräumen. ich telefoniere noch kurz mit s. von der ich heute noch unseren haustürschlüssel abholen möchte, damit wir einen schlüssel für meine eltern haben. ich stecke alle heizungen aus, schalte den frostwächter ein und  gegen 7 fahren wir los richtung berlin. bei s. machen wir kurzen stopp. sie freut sich über die gartenblumen und hat mir tee von den azoren mitgebracht. außerdem vererbt sie uns noch ein gläschen mangochutney, das sie ncht verträgt.

zuhause tragen wir fast den ganzen inhalt des kofferraumes trotz strömendem regen ins haus und nach oben. ich räume das bett in der kammer frei und beziehe schonmal alles gästebettzeug. dann drucke ich mir die bordkarten aus und packe mein köfferchen. mit keksen und tee setze ich mich ins wohnzimmer und lese weiter in dem blog eines ultraorthodoxen engländers. amüsant zu lesen und einblicke, die man sonst nicht so bekommt. dann schreibe ich diese zeilen.

(inspiriert von frau brüllen.)

Samstag, 14. Oktober 2017

Riehen, Fondation Beyeler: Paul Klee. Die abstrakte Dimension. 1. Oktober 2017 – 21. Januar 2018

* einen besuch wert

im detail:
**einführung: die ausstellung ist chronologisch angeordnet, nach eine einführenden text folgen weitere kapiteleinführungen zu den einzelnen ausgestellten phasen.
**benutzerführung:der eingang zur ausstellung ist merkwürdig verdeckt und führt entlang einer schräggestellten wand in den ersten saal auf der nordseite des museums. erfreulicherweise hält sich die fondation auch nach 20 jahren noch daran, kostenlose saalzettel auszugeben, auf denen der besucher weiterführende informationen zu einzelnen werken nachlesen kann, ohne einen audioguide bemühen zu müssen. audioguides gibt es natürlich außerdem auch noch. anders als saalzettel, die man sogar nachträglich noch ausdrucken kann, kann man die audioguides aber später nicht mitnehmen. die ausstellung folgt recht streng dem chronologischen aufbau, lediglich ein kabinett mit vermutlich lichtempfindlichen graphiken und aquarellen weicht davon etwas ab.
**aufstellung/hängung: die werke hängen an starkfarbig getönten wänden in dunkelgrau und weinrot. besonders das grau harmoniert ganz hervorragend mit einigen der farbfeld-gemälde, bei denen sich hellere, strahlendere farben aus einem dunkleren hintergrund hervorschieben. andererseits bekommen die werke dadurch einen etwas dekorativen touch, der ihnen vielleicht nicht ganz gerecht wird.
**umfang: die ausstellung umfasst rund 100 werke aus dem zeitraum 1913 bis 1938 und lässt sich in 1,5-2 stunden in ruhe betrachten.
**inhalte: die ausstellung bietet gewissermassen die vorgeschichte zu den späten abstrakten werden klees, die sich in der sammlung der fondation befinden. der weg in die abstraktion und die auseinandersetzung klees mit trends und moden, den werken von zeitgenossen, wird deutlich. genauso aber auch die besondere klee-sicht auf die dinge, die ungeheure energie und der schaffensdrang klees, sein oft systematisches vorgehen, das sich abarbeiten an bestimmten ideen und konzepten, zugleich aber auch sein humor. man kann hier viele ungewöhnliche oder ungewohnte klees entdecken, entwicklungen nachverfolgen. dadurch wird das einzelne werk teilweise weniger originell, dafür erschließt sich der sinn oft besser.
**hintergründe: klee bildet, neben picasso oder giacometti, einen schwerpunkt der sammlung der fondation beyeler. diese ausstellung widmet sich den hintergründen dieses teils der sammlung.
**architektur:die museumsarchitektur mit dem spiel zwischen draußen und drinnen, offen und abgeschlossen, bewährt sich mal wieder sehr.
**extras: anlässlich der ausstellung sind einige werke als kunstdrucke im originalformat (auch bereits gerahmt) erhältlich. es ist verblüffend, wie wenig ausdrucksstark manche dieser drucke im vergleich zum original wirken, anderes, wie der prämierte apfel, funktioniert wunderbar.
**website: https://www.fondationbeyeler.ch/klee/
**fazit: sehr schöne und umfangreiche ausstellung, vermutlich lohnen sich mehrere kürzere besuche mehr als ein langer.

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art: Rineke Dijkstra. The one and the many.

wenn man sowieso in der nähe ist
im detail:
**einführung: kurze texttafeln inforieren über hintergründe und motive der gezeigten porträtserien

**benutzerführung: hier ist eher free flow durch und innerhalb der räue angesagt, allerdings erschließen sich einige der photoserien erst durch ihre chronologie

**aufstellung/hängung: white cube mit großformatigen c-prints auf weißem hintergrund in schlichten holzrahmen montiert

**umfang: man kann hier in einer stunde durchschlendern, wenn man sich alle videoarbeiten in ruhe ansieht, wird man eher zwei stunden benötigen

**inhalte: gezeigt werden mehrere porträtserien, wie z.b. die strandserie mit jugendlichen und kindern, die in verschiedenen ländern in badekleidung am strand photographiert wurden, oder die parkserie, die menschen im berliner tiergarten und in anderen grünanlagen zeigt, die serie mit kindern auf sessseln oder sofas, eine reihe, die einen jungen franzosen bei eintritt in die fremdenlegion begleitet, oder die almeria-serie, die ein flüchtlingskind über 20 jahre immer wieder portraitiert. gemeinsam ist allen portraits eine gewisse dekontextualisierung, die hintergründe sind einheitlich, karg, zeitlos, neutral - umso mehr treten die abgebildeten personen in den vordergrund, die zugleich distanziert und entrückt, aber auch verletzlich und offen wirken. ich freue mich, als ich bemerke, dass eines der photos taryn simon zeigt. die wenigen abbildungen, die, wie die kinder auf dem sofa, den personen attribute und hintergründe mitgeben, wirken dagegen, trotz allen kunstvollen bildaufbaus wie bessere familienphotos. das die portraitierten vielleicht weniger zufällig ausgewählt sind, als es zunächst den anschein hat, zeigt sich nicht nur im portrait von taryn simon, sondern auch daran, dass überraschend viele der abgebildeten thurn und taxis heißen. ich vermute, die stehen gewöhnlich nicht unerwartet in größerer zahl in irgendwelchen parks herum.
besonders eindrücklich sind aber die videoarbeiten: ein beunruhigend langes video zeigt ein kleines mädchen in russland während einer ballettstunde, die lehrerin ist nicht zu sehen, aber zu hören. die kamera beobachtet stoisch wie das kind zuerst fröhlich tanzt, dann immer müder wird und schließlich seine gute laune verliert und dabei auch seine körpersprache verändert, während die unsichtbare stimme der lehrerin noch eine wiederholung fordert und noch eine und noch eine. eine andere arbeit zeigt junge clubbesucher in england, die vor einer weißen wand freigestellt, zu elektrosound tanzen. auch hier hält sich die kamera beobachtend zurück, der zuschauer erlebt fasziniert, wie die tänzer nach und nach die vorführsituation vergessen und in der musik versinken, völlig bei sich und zugleich die musik sind. die beeindruckendste arbeit zeigt auf drei bildschirmen eine gruppe englischer schulkinder, die picassos weinende frau betrachten und kommentieren. was wie eine schulstunde beginnt ("I can see lots of different shapes and colours." "There are lots of triangles in different colours") bricht mehr und mehr aus irgendwelchen schemata aus und zieht den betrachter in den strudel der blühenden phantasie der kinder ("I think her husband has come home from a war and now she is crying because she is happy")

**hintergründe: es handelt sich um die erste überblicksausstellung in skandinavien

**architektur: die ausstellung befindet sich im souterrain des louisiana museums in humlebaek.

**extras: keine

**website: https://www.louisiana.dk/udstilling/rineke-dijkstra
**fazit: sehr beeindruckende künstlerin, von der ich gerne mehr sehen möchte. besonders die videoarbeiten kommen mir auch zwei wochen später noch immer wieder in den sinn.

Donnerstag, 5. Oktober 2017

was machst du eigentlich den ganzen tag? oktober 2017

5:00 ich wache auf, weil der wecker klingelt. der liebste steht auf. ich dämmere nochmal weg, bekomme halbwach mit, wie er den wecker neu stellt und das telefon auf meinen nachttisch legt und geht. um 6:30 klingelt der wecker dann für mich. ich schalte das radio ein und schlafe im rhythmus der snooze-funktion des weckers weiter, bis mich der liebste gegen 7:00 telefonisch weckt. anschließend höre ich nachrichten und die presseschau im deutschlandfunk und stehe dann um 7:15 auf. ich koche kaffee, trage den wäscheständer aus der badewanne in den flur und gehe ins bad. beim abtrocknen merke ich, dass mein handtuch noch von gestern nass ist. ich beschließe spontan, die heizung anzuwerfen. ich überlege kurz, noch einen brotteig anzusetzen, lasse das dann weil ich ja vor der arbeit noch zum arzt muss, woran mich der zettel auf dem küchentisch mit dem text "orkan, balkon, arzt" erinnert.

ich ziehe ein büro-outfit aus schwarzem kurzem rock und weinrotem rollkragenpullover an und frühstücke gegen 7:40 mit kaffee, brot, salami und erdbeermarmelade. um 8:05 ziehe ich meine schwarze fleecejacke über und schnappe mir den blauen kleinen regenschirm - meine regenjacke hängt leider im büro und draußen gießt es. ich gehe über die straße zur bushaltestelle, fahre eine station mit dem m48 und steige dann in den 187 um. um 8:25 komme ich beim arzt an und bin auch schon gleich dran. der arzt ist begeistert von der verheilten narbe. ich kann meine rückseite ohne spiegel nicht sehen, glaube ihm aber, dass alles toll verheilt. wir vereinbaren einen neuen termin für dezember. ich lasse mir einen zettel ausdrucken, der meinen arztbesuch für den arbeitgeber bestätigt und steige kurz drauf wieder in den 187 zum innsbrucker platz, von dort weiter mit dem m48 zum potsdamer platz, wo ich gegen 9:30 im büro einchecke.

ich gebe die arztbescheinigung ab, der zuständige kollege ist gerade dabei, sein büro umzuräumen, nimt mir aber trotz chaos die bescheinigung ab.

ich hole mir einen kaffee, tausche mich noch kurz mit den kollegen über die veranstaltung ab vorabend aus und mache mich an die arbeit. ich bin müde, müde, müde. trotzdem halte ich um 10:30 eine abteilungsbesprechung ab und wir gehen alle länder durch. danach versuche ich parallel, die aufgestauten emails der letzten tage abzuarbeiten und umfangreiche reportingunterlagen zu einem knappen bericht einzudampfen. ich verabrede mich mit einem kollegen zum mittagessen beim büffet-asiaten. der kollege wird von einem kunden am telefon festgelabert, so dass wir erst um 13:30 losgehen. der kollege hat weder schirm noch kapuze und wird unterwegs ziemlich nass. die müdigkeit macht sich in appetit bemerkbar und ich stapele  brokkoli, kimchi, kürbis, tofu, frittierten fisch, hühnchen und eine sommerrolle auf einen kleinen teller, dazu erdnusssauce und ein minikuchen als dessert, das ich wie immer dem kollegen schenke (es ist im preis inbegriffen, also wäre es ja schade, das stehenzulassen und der kollege futtert das locker weg).

wegen des regens gehen wir zurück einen umständlichen weg direkt von den potsdamer-platz-arkaden über den s-bahn-bahnsteig, als wir rauskommen regnet es aber gar nicht mehr. gegen 14:15 bin ich zurück bei der arbeit. ich werkele weiter. gegen 15:30 kommt draußen starker wind auf. immer wieder unterbreche ich meine arbeit und schaue die straße hinunter, wo sich die kleinen straßenbäume biegen und ein kleiner baustellenzaun ein eigenleben entwickelt und sich quer über die straße schiebt. blätter und kleine äste fliegen an meine fenster im vierten stock vorbei. im internet lese ich, dass s-bahn, regionalbahn und fernbahn den betrieb eingestellt haben.

angesichts von schlafdefizit und überstunden verlasse ich um 17:00 das büro. die straßen sind verstopft, es dauert bis ich in einen bus einsteigen kann. kaum eingestiegen, sagen mir andere fahrgäste, dass auch der busverkehr eingestellt wird und wir demnächst aussteigen müssen. ich setze mch trotzdem erstmal hin, schließlich bin ich gerade erst eingestiegen. ich habe glück und der bus setzt sich doch in bewegung. langsam kriechen wir auf der überfüllten straße voran. ich rufe den liebsten an, er besucht eine freundin und beteuert, dass das auto nicht unter einem baum parkt. also alles safe. an der potsdamer brücke hat der sturm die baustelle verwüstet, die gegenrichtung ist durch die polizei gesperrt worden. während wir weiter im stau stehen, brüllt ein entgegenkommender busfahrer unserem busfahrer zu, er soll die leute an der nächsten u-bahn rauswerfen, der busverkehr sei eingestellt. kurz drauf kündigt der busfahrer an, dass die fahrt an der u-bahn kürfürstenstraße enden wird. die u-bahnen fahren immerhin noch. wenige meter weiter eine neue durchsage: wir fahren nur noch bis zur nächsten bushaltestelle, dann ist schluss. einige fahrgäste werden jetzt unverschämt. im bus gemurmel, irgendwann sind alle raus und wir bewegen uns wie ein ameisenhaufen auf der flucht auf der potsdamer straße richtung süden. ich knöpfe meine kapuze ab, damit sie vom wind nicht weggerissen wird. trotz des sturms ist es nicht besonders kalt und es regnet nicht.

an der bülowstraße liegt ein kapitaler ahornbaum quer auf der straße. oben sehe ich überfüllte züge, gehe also lieber zu fuß weiter und versuche mich ausserhalb des umfallradius der straßenbäume zu halten. am kleistpark haben sechs doppeldecker angelegt. die busfahrer sitzen in den leeren bussen und schauen auf ihre smartphones. in schöneberg schlüpfe ich schnell zu dm um mein verlorenes duschgel zu ersetzen. der müdigkeitsappetit bricht wieder durch und ich kaufe außerdem noch getrocknete aprikosen und honigmarzipan mit schokoladenüberzug. kurz nach dem kaiser-wilhelm-platz fällt mir ein, dass morgen w. zum flöten zu mir kommt, ich biege also noch schnell zu lidl ein und kaufe nüsse, weintrauben und schokoküsse, außerdem ein paar pflaumen und avocados. auf dem schöneberger dorfanger liegen große abgerissene äste. gegen 18:40 komme ich schließlich zuhause an. ich höre den ab ab und ziehe mich um, da kommt auch schon der liebste nach hause. ich setze tee auf, während der liebste anfängt, rübenmus zu kochen. ich zeige ihm ein youtube-video aus der rineke-dijkstra-ausstellung, die ich kürzlich gesehen habe und das mich sehr beeindruckt hat. dem liebsten gefällt es auch.

ich stelle die entwürfe für plakate und eintrittskarten für das chorkonzert fertig. als ich gerade alles an die druckerei mailen will, ruft meine mutter an um zu hören wie es uns mit dem orkan geht. ich bestätige, dass es uns gut geht und schreibe nebenbei die druckereimail weiter, der liebste stellt gleichzeitig das essen auf den tisch. ich beende telefonat und email und wir essen.

nebenbei blättern wir in einem verlagskatalog des ulmer verlages. mich überfällt spontane genervtheit und ich mache dem liebsten vorhaltungen. es tut mir schnell leid, zugleich ist es mir aber doch sehr ernst. ich weiß nicht, ob er wirklich versteht, was ich meine.

ich reiße die fenster in der kammer zum lüften auf und trage rechner und bügelbrett ins wohnzimmer. während ich die wäsche zusammenlege, schaue ich "gardeners world" mit monty don auf youtube. gegen 22 uhr bin ich mit der wäsche durch und setze mich hin, um dies hier aufzuschreiben. nebenbei läuft die tonspur der gartensendung weiter.

(inspiriert von frau brüllen.)

Sonntag, 24. September 2017

Humlebaek, Louisiana Museum of Modern Art: The Cleaner. Marina Abramovic.

* einen besuch wert

im detail:
**einführung: der zugang zur ausstellung führt durch eine soundinstallation, in einem engen korridor beschallen je 4 lautsprecher von beiden seiten mit maschinengewehrsalven - dazwischen stille. die gewehrsalven sind schon von weiter her zu hören. als ich den korridor betrete ist gerade stille. ich überlege kurz, den korridor ein zweites mal zu betreten, um den "echten effekt" zu erleben. beschließe dann aber, dass die stille auch ein "echter effekt" ist. dieses spiel mit erwartungshaltungen, akut subjektivem, reflexhaftem empfinden und spontaner reaktion ist ein wesentlicher teil der performancekunst von marina abramovic, insofern ist die einführung sehr gelungen. kurze biographische abrisse leiten die drei teile der ausstellung ein.
**benutzerführung: der besucher wird durch die abfolge der räume sanft gelenkt, gelegentlich weisen pfeile den weg zum nächsten der drei kapitel. innerhalb der kapitel gibt es keine feste abfolge, die starken akustischen und optischen reize einzelner exponate entfalten jedoch teils eine deutliche sogwirkung, teils wirken sie mit drastischen bildern und geräuschen abstoßend oder jedenfalls bremsen sie den fluss, wie z.b. der enge durchgang, in dem zwei nackte menschen reglos stehen, zwischen denen der besucher seitwärts hindurchtreten muss, um in den nächsten raum zu treten.
**aufstellung/hängung: der erste, retrospektive, ausstellungsteil wird durch film- und fotodokumente in schwarz-weiß und nur wenige objekte geprägt. auffallend ist die großflächige inszenierung der bildschirme und projektionen, der man sich kaum entziehen kann. dagegen sind die verschriftlichten "anleitungen" der einzelnen performances von überraschender knappheit. im zweiten teil, der sich der spirituellen praxis und erfahrungswelt widmet, die abramovics arbeiten sowohl überhaupt ermöglichen als auch prägen und durchdringen, stehen raumgreifende objekte aus holz, stein und kristallen lose im hellen obergeschoss der ausstellungsräume verteilt. erst auf den zweiten blick erschließt sich die "benutzbarkeit" dieser objekte für die besucher, die hier, mithilfe einfacher anweisungen und in form und material interessanter gegenstände, eigene spirituelle übungen durchführen können. im dritten, abgedunkelten teil befindet sich eine art archäologische sammlung, die die retrospektive des ersten teils aufgreift, gefolgt von neueren werken, die, anders als die frühen werke weniger mit abramovic selbst als vertreterin einer universellen menschlichen erfahrung befasst sind, sondern sich ganz konkret dem balkan und dessen bild von der welt widmen.
**umfang: für die ausstellung sollte man mindestens 1,5 stunden einplanen, bei intensiver befassung mit den "benutzbaren objekten" auch deutlich länger.
**inhalte: die ausstellung ist eine kombination aus retrospektive und performancekunt zum mitmachen. sie zeichnet die anfänge von abramovics performancekunst in den 1970er jahren nach, die um die themen des menschseins, menschliches leiden, frau und mann und besonders die frau in der kunst kreisen. die ausstellung verhandelt dabei auch die frage, wie man performancekunst ausstellen kann und ob es legitim ist, performances zu wiederholen. hier kommen nicht die ausstellungskuratoren sondern die künstlerin selbst zu wort: marina abramovic versteht ihre performancekonzepte (wie auch die anderer künstler, z.b. beuys) als partituren, die mehrfach aufgeführt werden können. ihre kunst ist nicht das event sondern "das stück" und existiert unabhängig von einer aufführung. auch heute wirken viele dieser stücke verstörend, sorgen für ein flaues gefühl beim betrachter, der vielfach nicht wegsehen kann und zugleich nicht hinsehen mag. deutlich wird aber auch die kraft abramovics als performerin, ihre unerschrockene präsenz, auch schon in den ganz frühen werken.
im zweiten teil wird deutlich, woher abramovic jedenfalls einen teil dieser kraft schöpft: buddhistische praxis, vipassana-meditation, spirituelle übungen. abramovic selbst spricht von ihrer "abramovic-methode", die es ihr ermöglicht, z.b. stundenlang unbewegt auf einem stuhl im museum zu sitzen. mit einfachen mitteln versucht abramovic, die besucher daran teilnehmen zu lassen: mit bloßen füßen in riesige schuhe aus synthetischen kristallen steigen, die augen schließen, atmen, spüren. oder: sich mit stirn, brust und bauch gegen an einer wand angebrachte steine lehnen, atmen, spüren. oder: in einem abgetrennten bereich einer anderen person gegenübersitzen, dem anderen direkt in die augen schauen, atmen, spüren. diese letzte übung lasse ich aus - ich kenne die übung und weiß, das kann dauern. dafür reicht meine zeit heute leider nicht.
der letzte ausstellungsteil, in dem es um abramovics auseinandersetzung mit dem balkan geht, ist am wenigsten beeindruckend. andererseits zeigt es, dass abramovic sich auch nicht damit begnügt, die beeindruckenden und bewährten formate des präsent-seins oder der zur schau gestellten verletzlichkeit einfach publikumswirksam fortzusetzen. es wirkt, als hätte die künstlerin mittlerweile genug von sich selbst, und richtet nun den blick in eine andere richtung, zurück zu ihren wurzeln auf dem balkan, als finge sie an, sich selbst als weniger absolut sondern als teil einer umwelt, die sie geprägt hat, wahrzunehmen. das ist dann einerseits sympathisch und nachvollziehbar, den werken fehlt aber die kraft und eindringlichkeit der früheren stücke.
**hintergründe: die ausstellung wurde zuvor im moderna museet stockholm und wird 2018 auch in der bundeskunsthalle bonn gezeigt.
**architektur: die ausstellungsarchitektur ist schlicht und geradlinig, die besondere architektur des louisiana museum wird nicht aufgegriffen.
**extras: keine. die ausstellung reicht vollkommen aus.
**website: https://en.louisiana.dk/exhibition/marina-abramovi%C4%87
**fazit: sehr beeindruckend und anregend.